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Die Tugend der Klugheit

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"Mit ihr man zu den hohen Gipfeln der Vollkommenheit mit geringerer Anstrengung aufsteigen könne, und daß ohne sie Viele auch noch so eifrig Strebende die Höhe der Vollkommenheit durchaus nicht erreichen konnten. Denn die Mutter, Wächterin und Lenkerin aller Tugenden ist die Klugheit" Hl. Ioann Cassian

Da wir also von der Gabe und Tugend der Klugheit sprechen wollen, worauf unsere Rede in der nächtlichen Unterhaltung noch kam, und womit die Disputation endigte, so halten wir es für passend, ihre Vortrefflichkeit zuerst durch Aussprüche der Väter zu zeichnen, damit wir nach Klarlegung der Ansichten und Aussprüche unserer Vorfahren ihren Nutzen und Vorteil nach Möglichkeit von Neuem behandeln, indem wir darstellen, wie in alter und neuer Zeit Viele gefallen und zu Grunde gegangen sind, weil sie diese Tugend zu wenig erlangt hatten und also in verderblichem Falle stürzten. Wenn das durchgenommen ist, werden wir durch die Betrachtung der Wucht ihres Verdienstes und ihrer Gnade kräftiger unterrichtet werden, wie wir sie pflegen und suchen sollen. Es ist das nämlich nicht so eine mittelmäßige Tugend oder eine, die immer durch menschliche Tätigkeit erfaßt werden konnte, wenn sie nicht durch göttliche Gabe und Gnade verliehen ist. Wir lesen nämlich, daß dieselbe unter den edelsten Gaben des hl. Geistes so von dem Apostel aufgezählt werde: (I. Kor. 12, 8. )„Dem Einen wird durch den Geist das Wort der Weisheit verliehen, dem Andern der Glaube in demselben Geiste, wieder Einem die Gabe der Heilung in einem Geiste“ und bald darauf: „Dem Andern die Unterscheidung der Geister.“ Dann, nachdem er die ganze Reihe der geistigen Gnadengaben aufgeführt hat, fügt er bei: „Aber all Das wirkt ein und derselbe Geist und theilt es den Einzelnen aus, wie er will.“ Ihr seht also, daß die Gabe der Unterscheidung nicht eine irdische und kleine ist, sondern ein sehr großes Geschenk der göttlichen Gnade.

Ich erinnere mich also, daß einst in meinen Knabenjahren in jener Gegend der Thebais, wo der hl. Antonius wohnte, die Väter zu ihm kamen, um nach Vollkommenheit zu forschen, und daß bei der Unterredung, die von den Abendstunden bis zum Morgenlicht sich ausgedehnt hatte, diese Frage den größten Teil der Nacht wegnahm. Denn sehr lange wurde untersucht, welche Tugend oder Übung den Mönch bei den Fallstricken und Täuschungen des Teufels immer unverletzt bewahren oder wenigstens auf dem rechten Pfad und mit festem Schritt zum Gipfel der Vollkommenheit führen könnte. Da brachte nun Jeder nach seiner Einsicht eine Meinung vor, und die Einen setzten Das in den Eifer der Fasten und Nachtwachen, weil der hindurch ernüchterte Geist, der die Reinheit des Herzens und Körpers erlangt habe, sich leichter mit Gott eine; — die Andern in die Hingabe und Verachtung aller Dinge, von denen völlig entblößt der Geist, weil ihn keine Fesseln mehr zurückhalten, ungehinderter zu Gott kommen könne; — wieder Andere hielten die Anachoresis für notwendig, das ist die Einsamkeit und die Stille der Wüste; denn wer hier weile, könne Gott vertraulicher anstehen und ihm besonders anhangen; Einige meinten, daß die Werke der Liebe d. i. der Barmherzigkeit zu üben seien, da diesen der Herr im Evangelium ganz besonders das Himmelreich versprochen habe, da er sagte: „Kommet, ihr Gesegnete meines Vaters, nehmet das Reich in Besitz, das euch von Gründung der Welt an bereitet wurde: denn ich war hungrig, und ihr gabt mir zu essen; ich dürstete, und ihr gabt mir zu trinken“ &c. Als sie nun auf diese Weise verschiedene Tugenden bestimmten, durch welche der Zugang zu Gott mehr gesichert werden könne, und der größte Teil der Nacht durch diese Untersuchung weggenommen war, sagte endlich der hl. Antonius: All’ das, was ihr gesagt habt, ist zwar notwendig und nützlich für die nach Gott Dürstenden, die zu ihm zu gelangen sich sehnen; aber unzählige Fälle und Versuche Vieler erlauben uns durchaus nicht, in Solches die Hauptgnade zu setzen. Denn ich sah oft Solche, die auf das Strengste den Fasten und Nachtwachen oblagen und sich merkwürdig in der Einsamkeit verbargen, welche ferner die Hingabe alles Vermögens so befolgten, daß sie für sich nicht den Lebensunterhalt eines Tages, oder einen Denar übrig ließen, — welche die Werke der Barmherzigkeit mit ganzer Aufopferung übten: — und Solche sah ich so plötzlich betrogen, daß sie das ergriffene Werk nicht zum entsprechenden Ausgang führen konnten und den höchsten Feuereifer und einen lobenswerten Wandel mit einem verabscheuungswürdigen Ende beschloßen. Was also hauptsächlich zu Gott führe, können wir klar erkennen, wenn wir die Ursache der Täuschung und des Sturzes Jener genauer untersuchen. Jenen gestattete nämlich, während sie die Werke der genannten Tugenden in Überfluß hatten, allein der Mangel der Klugheit nicht, in denselben bis zum Ende zu verharren. Denn man entdeckt keine andere Ursache ihres Falles, als daß sie, von den Vätern nicht unterrichtet, durchaus nicht im Stande waren, die Weise der Klugheit zu erlangen, welche jede Übertreibung unterlassend immer auf königlichem Wege einherschreiten lehrt und ihm weder auf der rechten Seite der Tugend gestattet, sich zu überheben, d. i. im überwallenden Eifer das Maß der rechten Zurückhaltung mit törichter Anmaßung zu überschreiten, — noch ihm erlaubt, aus Lust an der Erholung sich nach links zu den Lastern zu wenden. d. i. unter dem Vorwande für den Körper zu sorgen, in der entgegengesetzten Schlaffheit des Geistes zu erlahmen.

Diese Klugheit nämlich ist’s, welche im Evangelium Auge und Leuchte des Köpers genannt wird nach jenem Ausspruche des Erlösers:  „Die Leuchte deines Körpers ist dein Auge; wenn nun dein Auge ungetrübt ist, so wird dein ganzer Körper Licht sein; wenn aber dein Auge schlecht geworden ist, so wird dein ganzer Körper finster sein.“ (Matth. 6, 22. ). Das ist so, weil sie alle Gedanken und Handlungen des Menschen unterscheidet und Alles, was zu tun ist, durchschaut und durchleuchtet. Wenn nun sie im Menschen schlecht geworden ist, das heißt, nicht durch wahres Urteilen und Wissen befestigt, sondern durch irgend welchen Irrtum und Wahn irregeführt, so wird sie unsern ganzen Körper finster machen, d. h. allen Scharfblick des Geistes und all’ unsere Handlungen wird sie dunkel machen, indem sie dieselben mit der Blindheit der Laster und der Finsterniß der Verwirrung umgibt. „Denn,“ sagt der Herr, „wenn das Licht, das in dir ist, Finsterniß ist, wie groß wird die Finsterniß sein?“ Denn das ist Keinem zweifelhaft, daß, wenn das Urteil unseres Herzens irrt und in der Nacht der Unwissenheit befangen ist, auch unsere Gedanken und Werke, die aus der Überlegung der Einsicht entspringen, in größere Finsterniß der Sünden verwickelt werden.

So wurde Jener, der zuerst nach der Wahl Gottes das Königtum über das Volk Israel erhielt, weil er dieß Auge der Klugheit nicht hatte und so gleichsam am ganzen Körper finster geworden war, auch vom Throne gestoßen. Er hatte ja, betört durch die Finsterniß und den Irrtum dieser Leuchte, geglaubt, seine Opfer für Gott wohlgefälliger halten zu müssen, als den Gehorsam gegen das Gebot Samuels, und nahm dort Gelegenheit zu einer größern Beleidigung, wo er gehofft hatte, sich die göttliche Majestät zu versöhnen. Dieselbe Unkenntniß der Klugheit trieb Achab, den König von Israel, an, nach jenem Triumphe des herrlichsten Sieges, der ihm durch Gottes Gunst zugestanden worden war, zu glauben, seine Barmherzigkeit sei besser als die strengste Ausübung des göttlichen Gebotes und einer, wie ihm schien, grausamen Herrschaft. Da er so durch diese Erwägung weich gestimmt lieber den blutigen Sieg durch Gnade mildern will, wird er selbst durch seine unkluge Barmherzigkeit gleichsam am ganzen Leibe finster und unwiderruflich zum Tode verurteilt. (III. Kön. 20.)

Das ist die Klugheit, welche nicht nur Leuchte des Körpers, sondern auch Sonne vom Apostel genannt wird nach jener Stelle: „Die Sonne soll nicht untergehen über euerm Zorn.“ (Ephes. 4. 26.).  Sie wird die Leitung unseres Lebens genannt, dort wo steht: „Die keine Leitung haben, fallen wie die Blätter.“ (Sprüchw. 25, 28). Sie heißt ganz mit Recht der Rath, ohne den wir nach Lehre der Schrift durchaus Nichts tun dürfen; so daß wir nicht einmal den geistigen Wein, der das Herz des Mensch erfreut, ohne ihre Mäßigung nehmen dürfen, nach jenem Wort: „Mit Überlegung tu’ Alles, mit Überlegung nimm Wein!“ Und wieder: „Wie eine Stadt, deren zerstörte Mauern sie offen lassen, so ist ein Mann, der Etwas ohne Überlegung tut.“ (Sprüchw. 24, 3). Wie verderblich ihr Mangel dem Mönche sei, zeigt das Beispiel und Bild dieses Ausspruches, der ihn mit einer zerstörten, mauerlosen Stadt vergleicht. In ihr besteht die Weisheit, in ihr die Einsicht und die Sinnigkeit, ohne welche weder unser innerliches Haus erbaut werden kann noch geistige Reichtümer gesammelt werden können, nach jenem Wort: „Durch Weisheit wird das Haus gebaut und durch Einsicht wieder aufgerichtet; durch Sinnigkeit werden die Kammern gefüllt mit allen kostbaren und guten Schätzen.“ Das, sage ich, ist die feste Speise, die nur von Vollkommenen und Starken genommen werden kann, wie es heißt: „Die Vollkommenen aber haben eine feste Speise, Jene, welche ihre Sinne durch Gewohnheit geübt haben zur Unterscheidung des Guten und Bösen.“ (Hebr. 5, 14.).  So sehr wird diese Tugend als uns nützlich und notwendig anerkannt, daß sie sogar mit dem Worte Gottes und seinen Kräften verbunden wird in jener Stelle: „Denn lebendig ist das Wort Gottes und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Fugen und Mark und entscheidend über die Gedanken und Absichten des Herzens.“ (Hebr. 4, 12. ). Dadurch wird ganz offenbar erklärt, daß ohne die Gnade der Unterscheidung keine Tugend weder ganz vollendet werden noch beharren könne. Und so ist sowohl durch die Entscheidung des hl. Antonius als der Übrigen bestimmt worden, daß es die Klugheit sei, welche den Mönch mit festem Schritte ohne Zagen zu Gott führe und die genannten Tugenden beständig unverletzt bewahre; daß mit ihr man zu den hohen Gipfeln der Vollkommenheit mit geringerer Anstrengung aufsteigen könne, und daß ohne sie Viele auch noch so eifrig Strebende die Höhe der Vollkommenheit durchaus nicht erreichen konnten. Denn die Mutter, Wächterin und Lenkerin aller Tugenden ist die Klugheit.

Damit nun diese von dem hl. Antonius und den übrigen Vätern vor Alters gegebene Bestimmung nach meinem Versprechen auch durch ein neueres Beispiel bestätigt werde, so denket an den neulichen Vorfall:

Was soll ich sagen von jenen zwei Brüdern, welche jenseits jener Wüste von Thebais wohnten, wo einst der hl. Antonius gewohnt hatte, und die in doch gar zu wenig vorsichtiger Überlegung beschlossen hatten, bei einer Reise durch die ausgedehnte Öde der Wüste durchaus keine Speise zu nehmen, außer die ihnen der Herr selbst bieten würde? Als sie nun dahin irrten durch die Wüste und fast verschmachteten vor Hunger, wurden sie von ferne von einigen Maziken erblickt, welcher Volksstamm unmenschlicher und grausamer ist als fast alle wilden Völker denn es reizt sie zum Blutvergießen nicht wie andere Stämme die Begierde nach Beute, sondern nur die Wildheit ihres Herzens. Als ihnen nun diese gegen die Natur ihrer Wildheit mit Broten entgegenkamen, da nahm sie der eine, dem die Klugheit zu Hilfe kam, als von Gott gereicht mit Freude und Danksagung an, da er glaubte, diese Speise werde ihm von Gott gegeben, und es sei nicht ohne Gott geschehen, daß diese, die sich stets an dem Blute der Menschen weiden, den Schmachtenden und fast Vergehenden Lebensmittel reichten; der andere aber, der die Speise als von Menschen angeboten zurückwies, starb vom Hunger aufgerieben. Obwohl diese nun mit einer tadelnswerten Ansicht begannen, so hat doch Einer, da ihm die Besonnenheit noch kam, das, was er leichtsinnig und unvorsichtig beschlossen hatte, zuletzt, wie wir sahen, gebessert; der Andere aber, in seinem törichten Wahne verharrend und aller Klugheit unfähig, hat sich selbst den Tod zugefügt, den der Herr abwenden wollte, da er nicht einmal glauben wollte, es sei durch göttlichen Antrieb geschehen, daß herzlose Barbaren, der ihnen eigenen Wildheit vergessend, ihnen mit Brot statt mit den Schwertern entgegenkamen.

Wie man sie erlangen müsse, oder wie man zu erkennen vermöge, welches die wahre, von Gott stammende und welches die falsche und teuflische sei?

Die wahre Klugheit wird nur durch wahre Demuth erlangt. Die erste Probe dieser Demuth ist, wenn nicht nur alle Handlungen, sondern auch alle Gedanken der Prüfung der Väter vorbehalten werden, so daß Keiner Etwas seinem Urteile glaube, sondern in Allem sich bei den Aussprüchen Jener beruhige und durch ihre Lehre erkenne, was er für gut oder bös halten solle. Denn es wird Einer durchaus nicht getäuscht werden können, wenn er nicht nach seinem Urteile, sondern nach dem Beispiele der Vorfahren lebt – und es wird der schlaue Feind nicht Denjenigen als Unwissenden täuschen können, der Nichts davon weiß, alle im Herzen entstehenden Gedanken mit verderblicher Scham zu verbergen, sondern sie nach der reifen Prüfung der Väter entweder verwirft oder zuläßt. Sobald nämlich ein böser Gedanke geoffenbart ist, verliert er seine Kraft, und noch ehe das Urteil der Klugheit ausgesprochen ist, wird die scheußliche Schlange aus ihrem finstern unterirdischen Schlupfwinkel ans Licht hervorgezogen durch die Kraft deines Bekenntnisses und weicht überführt und mit Schande bedeckt von dannen.

Auf diese Weise also werden wir am leichtesten zum Verständniß der wahren Klugheit kommen können, wenn wir den Fußtapfen der Altmeister nachgehend uns weder herausnehmen, etwas Neues zu tun noch auf unser Urteil hin zu entscheiden; sondern wir wollen in Allem so wandeln, wie es uns ihre Lehre und ihr tugendhaftes Leben lehrt. Durch diesen Unterricht befestigt wird man nicht nur zur vollkommenen Weise der Klugheit gelangen, sondern auch bei allen Nachstellungen des Feindes ganz sicher bleiben. Denn durch kein anderes Laster zieht der Teufel so jäh abwärts und bringt zum Tode, als wenn er überreden konnte, mit Hintansetzung des Rates der Altväter auf eigene Urteil, auf eigene Entscheidung und Lehre zu vertrauen. Denn da alle Künste und Wissenschaften, die vom Menschengeiste erfunden wurden und nur den Vorteilen dieses zeitlichen Lebens dienen, doch, obwohl man sie mit Händen greifen und mit den Augen sehen kann, von Keinem recht begriffen werden können ohne den Unterricht eines Lehrers, wie töricht ist es dann zu glauben, diese Kunst allein bedürfe keines Lehrers, während sie doch unsichtbar und geheim ist und nur dem reinsten Herzen anschaulich wird; da ferner ein Irrtum in ihr nicht zeitlichen Schaden zufügt oder einen, der sich leicht ausbessern läßt, sondern das Verderben der Seele und den ewigen Tod! Denn sie hat einen Kampf bei Tag und Nacht nicht gegen sichtbare Feinde, sondern gegen unsichtbare und grausame, und hat einen geistigen Streit nicht gegen Einen oder Zwei, sondern gegen unzählige Schaaren; eine Niederlage hier ist aber um so viel gefährlicher als sonstwo, je gehässiger dieser Feind und je verborgener der Zusammenstoß ist. Deßhalb muß man immer den Fußtapfen der Altväter mit dem größten Fleiße nachgehen und diesen Alles vortragen, was in unsern Herzen auftaucht, ohne die Hülle der Verlegenheit!

Endlich bewährt sich diese Lehre so sehr als Gott wohlgefällig, daß wir ebendieselbe Anweisung fleissig in den heiligen Schriften eingereiht finden, so daß der Herr den Knaben Samuel, den er nach seinem Ratschluß vor Andern auserwählt hatte, nicht durch sich selbst in der Schule göttlicher Unterredung lehren wollte, sondern ihn wieder und wieder zu einem Greise eilen ließ. So wollte er also, daß Derjenige, den er zu seiner Ansprache rief, selbst durch die Lehre eines Solchen unterwiesen werde, der Gott beleidigt hatte, weil es doch ein Älterer war, und wollte lieber, daß Der, den er seiner Berufung für so würdig erachtet hatte, durch den Unterricht eines Älteren gebildet werde, damit nämlich so teils die Demuth dessen, der zum göttlichen Dienste berufen wurde, sich bewähre, teils den Jüngern das Bild dieser Unterwürfigkeit als Beispiel hingestellt werde.

Auch den Paulus, den er selbst gerufen und angeredet hat, will Christus, obwohl er ihm sogleich den Weg der Vollkommenheit erschließen konnte, lieber zu Ananias senden und läßt ihn von Diesem den Weg der Wahrheit lernen, indem er sagt: „Steh’ auf und geh’ in die Stadt, und dort wird man dir sagen, was du tun sollst.“ Er sendet also auch Diesen zu einem Älteren und bestimmt, daß er eher durch dessen Unterricht als den seinen belehrt werden solle; damit nämlich nicht das, was bei Paulus ganz in Ordnung geschehen wäre, den Späteren ein böses Beispiel zur Anmaßung biete, indem Jeder sich einreden würde, er müsse auf ähnliche Weise auch eher allein durch Gottes Lehre und Schule als durch die Anleitung der Älteren unterrichtet werden. Die volle Verwerflichkeit dieser Anmaßung lehrt auch der Apostel selbst nicht nur in seinen Briefen, sondern auch in Tat und Beispiel. Deßhalb allein versichert er nach Jerusalem gegangen zu sein, damit er das Evangelium, das er unter dem Beistande des Heiligen Geistes und mit der Kraft der Wunder und Zeichen den Heiden verkündete, mit seinen Mitaposteln und Vorgängern in einer besondern und vertraulichen Prüfung vergleiche. „Und ich verglich“, sagt er, (Gal. 2, 2.) „mit ihnen das Evangelium, das ich unter den Heiden predige, damit ich nicht etwa vergeblich laufe oder gelaufen wäre.“ Wer sollte also so anmaßend und blind sein, daß er es wagt, sich seinem eigenen Urteil und seiner Entscheidung zu überlassen, während das Gefäß der Auserwählung bezeugt, daß er der Besprechung der Mitapostel bedurft habe? Dadurch wird aufs Klarste bewiesen, daß Gott Keinem den Weg der Vollkommenheit zeige, der im Besitze dessen, was ihn unterrichten kann, Dieß verachtet, nämlich Lehre und Anweisung der Väter, und so gering schätzt jenen Ausspruch, den man auf’s Sorgfältigste beobachten sollte: „Frage deinen Vater, und er wird dir Kunde geben; deine Ahnen, und sie werden es dir sagen.“ (Deut. 32, 7. )

Man muß also das Gut der Klugheit, die uns unversehrt bewahren kann vor jeder Übertreibung, mit allem Eifer durch die Tugend der Demuth zu erlangen suchen. Es ist nämlich ein altes Sprichwort: ἀκρότητες ἰσότητες, d. i. Übertreibungen gleichen sich — denn zu demselben Ende kommt das Übermaß im Fasten wie die Gefräßigkeit, und in denselben Verlust bringt die unmäßige Andauer der Nachtwachen wie die Lähmung des tiefsten Schlafes. Der durch Übertreibung der Enthaltsamkeit zu sehr Geschwächte muß nämlich notwendig in jenen Zustand zurückversetzt werden, in welchem der zu Nachläßige durch seine Sorglosigkeit gehalten wird, so daß wir oft sahen, wie Solche, die durch Gefräßigkeit nicht verführt werden konnten, durch Übermaß im Fasten zu Fall gebracht wurden und bei Gelegenheit ihrer Schwäche gerade in die Leidenschaft herabsanken, welche sie besiegt hatten. Auch die Nachtwachen und die unvernünftige Schlaflosigkeit stürzten Jene, welche der Schlaf nicht hatte besiegen können. Deßhalb muß man nach dem Apostel durch die Waffen der Gerechtigkeit an dem, was zur Rechten und zur Linken ist, vorbeigehen mit richtiger Mäßigung und zwischen beiden Übertreibungen mit Hilfe der leitenden Klugheit einhergehen, daß wir uns weder von dem überlieferten Pfade der Enthaltsamkeit abführen lassen noch durch schädliche Nachsicht in die Gier des Gaumens und des Bauches zurückfallen.

Wie wir also frühzeitig dafür sorgen müssen, daß wir nicht durch Verlangen nach leiblicher Lust in gefährliche Erschlaffung fallen und uns ja nicht herausnehmen, vor der festgesetzten Zeit uns Speise zu erlauben oder ihr Maß zu überschreiten: so muß man doch die Erfrischung durch Speise und Schlaf zur erlaubten Zeit annehmen, selbst wenn man Abneigung dagegen hat. Denn beide Kämpfe entstehen durch das Treiben unseres Feindes, und größere Verheerung richtet die ungeordnete Enthaltsamkeit an als die zu nachsichtige Sättigung. Von dieser nämlich kann man mittelst einer heilsamen Zerknirschung zum Maße der Strenge sich erbeben, von jener nicht.

Welches ist also das Maß der Enthaltsamkeit, welches wir in gleicher Einteilung festhalten müssen, um unverletzt zwischen beiden Übertreibungen durchkommen zu können?

Das allgemeine Maß der Enthaltung ist jedoch Dieß, daß je nach der Fähigkeit der Kräfte oder des Körpers oder des Alters Jeder sich so viel Speise erlaubt, als die Erhaltung des Leibes, nicht aber das Verlangen nach Sättigung erfordert. Denn wer in seinem ungleichen Verhalten jetzt den Leib durch die Dürre des Fastens einschnürt, jetzt durch zu vieles Essen auftreibt, wird in beiden Fällen den größten Nachtheil dulden. Wie nämlich der Geist durch den Mangel der Speise erschöpft die Kraft zum Gebete verliert, da er durch die zu große Schwäche des Körpers gedrückt zum Schlafe gedrängt wird: so kann er wieder durch zu große Gefräßigkeit niedergehalten seine Gebete zu Gott nicht rein und leicht aussenden. Aber nicht einmal die Keuschheit kann er in ununterbrochener Beständigkeit rein bewahren, da ihm selbst an jenen Tagen, an welchen er das Fleisch mit größerer Enthaltsamkeit zu züchtigen scheint, doch der Stoff der früheren (überreichen) Speise das Feuer der fleischlichen Begierde entzündet, obwohl in der Gegenwart sein Körper schwach ist.

Was einmal durch den Überfluß der Speisen im Marke sich gebildet hat, das muß Drang haben und von dem Gesetze der Natur selbst fortgetrieben werden, da sie nicht duldet, daß Überfluß an irgend einem unnötigen Saft, der ihr ja schädlich und entgegen ist, in ihr bleibe. Deßhalb müssen wir immer mit einer vernünftigen und gleichmäßigen Kargheit unsern Leib in Zucht halten, damit, wenn wir auch von dieser natürlichen Notwendigkeit, solange wir im Fleische weilen, nicht ganz frei sein können, uns der ganze Jahreslauf doch seltener und nicht öfter als dreimal von diesem Ausflusse benetzt finde. Das soll aber ohne allen Reiz der ruhige Schlaf ausstoßen und nicht ein Trugbild als Zeichen heimlicher Lust hervorlocken. Deßhalb ist es diese besagte Mäßigung und Enthaltsamkeit, diese Beschaffenheit und Menge, wie sie auch durch das Urteil der Väter gebilligt wird, — daß nämlich die tägliche Labung des Brotes auch der tägliche Hunger begleite, — sie ist es, welche in einem und demselben Zustande Leib und Seele bewahrt und den Geist weder durch die Erschöpfung des Fastens hinfällig noch durch Sättigung beschwert werden läßt. Denn man hört nach so einfachem Mahle auf, daß der Geist bisweilen nach der Abendzeit kaum merkt oder sich erinnert, daß er gegessen habe.

Das geschieht nun so wenig ohne Beschwerde, daß Diejenigen, welche die Vollkommenheit der Klugheit nicht kennen, lieber das Fasten bis zum zweiten Tage fortsetzen wollen und das, was sie heute genossen hätten, auf den morgigen Tag aufbewahren, um nur, wenn sie zum Essen kommen, die ersehnte Sättigung zu erlangen.

Daher ist sehr zum Vorteil und Nutzen um die neunte Stunde eine Essenszeit erlaubt worden, und der, der sie hierzu benützt wird sowohl in den nächtlichen Vigilien leicht und frei erfunden werden als auch sehr fähig zu der abendlichen Gebetsfeier, da die Speise schon verdaut ist.
Bei dieser Kargheit kann der Magen abends nicht beschwert werden, da ja um die neunte Stunde schon ein Brot vorausgenommen wurde; dagegen pflegt Dieß meist denen zu geschehen, die im Glauben, eine strengere Entsagung zu üben, die ganze Labung auf den Abend verschieben. Denn die kurz zuvor genommene Speise läßt nicht zu, daß man beim abendlichen und nächtlichen Gebete eine feine und leichte Fassungsgabe finde.

Fragmente aus "Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern"- Hl. Ioann Cassian († 430)

Quelle: Bliothek der Kirchenväter -

 

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